Talententwicklung ist ein langfristiger Entwicklungsprozess, um Nachwuchsathlet*innen ganzheitlich zu gesunden Spitzensportler*innen und handlungsfähigen Persönlichkeiten zu entwickeln. In diesem Prozess wird ihnen auch ermöglicht, den von ihnen angestrebten Schulabschluss zu erreichen. Von Sportart zu Sportart sind unterschiedliche Wege an die Spitze möglich. Und auch innerhalb einer Sportart können Athlet*innen mit unterschiedlichen Entwicklungsverläufen die Weltspitze erreichen. Im Elitebereich können ebenso Athlet*innen erfolgreich sein, die sich schon im Vorschulalter auf eine Sportart spezialisiert haben, wie Athlet*innen, die bis zur Pubertät in mehreren Sportarten aktiv waren. Auch nach einem Quereinstieg im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter sind Eliteerfolge möglich. Die Wahrscheinlichkeiten, dass diese verschiedenen Karrierewege zum Erfolg in der Weltspitze führen, sind sportartspezifisch unterschiedlich. Dabei spielen die Komplexität der Sportart, die Bedeutung der sportlichen Technik und des motorischen Lernens oder auch das Hochleistungsalter ebenso eine Rolle wie die Charakteristika und Biografien der Athlet*innen. Förderprozesse und -strukturen sollten so "offen" gestaltet werden, dass sie unterschiedlichen individuellen Entwicklungsverläufen gerecht werden können. Sie sollten Früh- und Späteinsteiger*innen und –entwickler*innen wie auch Quereinsteiger*innen aus anderen Sportarten berücksichtigen.
Die körperliche, kognitive oder auch motorische Entwicklung während Kindheit und Jugendalter verläuft individuell unterschiedlich und unterliegt Schwankungen. Auch die Umfeldbedingungen der Zugang zu Sportangeboten und Sportstätten, die familiäre Unterstützung, die Qualität von Trainer*innen oder die Vereinbarkeit von Schule und Sport beeinflussen sportliche Entwicklungswege. Diese sind deshalb individuell. Athlet*innen erleben auf ihrem Weg auch Stagnationen und Rückschritte. Ein lineares Durchlaufen von Trainingsetappen entspricht deshalb eher einem Idealbild als der Realität. Der Übergang vom Freizeit-/Breitensport in den Leistungssport ist fließend und in vielen Sportarten können auch Athlet*innen erfolgreich sein, die sich erst in der Pubertät auf den Leistungssport in einer Sportart fokussiert haben. Die Grundlage für jede sportliche Karriere, egal, ob leistungs-, breiten- oder gesundheitssportlich, ist, dass Kinder fundamentale Bewegungsfertigkeiten wie Laufen, Springen oder Werfen erlernen und bei sportlichen Aktivitäten koordinative Herausforderungen meistern. Das freudvolle und spielerische Sammeln von Bewegungserfahrungen in unterschiedlichen Sportarten, Umgebungen und mit verschiedenen Sport- und Spielgeräten ermöglicht es, motorische, soziale und kognitive Kompetenzen zu erwerben. Es hilft auch, die eigenen Interessen und Stärken zu erkunden und langfristig die Freude am und Motivation zum Sport zu wecken.
Über Talentsuchemaßnahmen, z. B. über Bewegungscheck-Programme, Schul-AGs oder Schnupper-Angebote in Sportvereinen sollen Heranwachsende an den Sport herangeführt werden. (Nachwuchs-)Athlet*innen müssen dann in Talentsichtungsmaßnahmen Chancen bekommen, ihr Potenzial zu zeigen und zu bestätigen. An die Sichtungsmaßnahmen knüpfen die Maßnahmen der Talententwicklung an, um Athlet*innen langfristig und im Optimalfall auf ihrem Weg bis zur Weltspitze zu unterstützen. Im Normalfall erhalten Athlet*innen spätestens ab der Sichtung für den Landeskader Zugang zu den Förderstrukturen in einer Sportart (z. B. Trainingsmöglichkeiten am Landesstützpunkt, Möglichkeit der Einschulung an Eliteschulen des Sports oder anderen leistungssportfördernden Schulen). Im Entwicklungsverlauf erhöhen sich Trainingspensum und Wettkampfanforderungen, wodurch die Unterstützungssysteme zur Vereinbarkeit von Schule/Ausbildung und (Nachwuchs-)Leistungssport immer wichtiger werden. Für Bundeskader werden an den Bundesstützpunkten eine hohe Trainingsqualität und optimale Infrastruktur geboten. Die Entwicklung der Athlet*innen wird durch Olympiastützpunkte unterstützt, die sportmedizinische Betreuung, Trainingswissenschaft, Physiotherapie, Ernährungsberatung und duale Karriereplanung bereitstellen. In einigen Bundesländern werden bereits Landeskader durch OSP-Angebote unterstützt. Karrierewege verlaufen selten linear und sind von Übergängen geprägt. Diese finden auf z. B. sportlicher, psychischer, sozialer oder schulischer/beruflicher Ebene statt und stellen oft Herausforderungen dar. So kann es beispielsweise einige Jahre dauern, bevor sich Sportler*innen aus dem Juniorenbereich in der Elite durchsetzen können. Auch nach dem Schulabschluss müssen neue Wege beschritten werden, um die duale Karriere erfolgreich zu gestalten. Athlet*innen und ihr Umfeld sollten sich solcher Übergänge bewusst sein und gemeinsam Schritte planen, um die nächsten Entwicklungsschritte zu gehen und gleichzeitig ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu sichern.
Ziele, Inhalte und Verantwortlichkeiten in der langfristigen Athlet*innenentwicklung sind in den Nachwuchskonzeptionen (z. B. Rahmentrainingskonzeptionen) der Spitzenverbände beschrieben. Sie beschreiben für Verantwortliche im Spitzenverband, den Landesverbänden und Vereinen die Zielstellungen der Athlet*innenentwicklung und bieten Orientierungen dazu, was ein Talent in einer Sportart/Disziplin ausmacht, welche Maßnahmen zur Talentsuche und -identifikation und -entwicklung es gibt. Ihr Schwerpunkt liegt meist auf den Trainings-, Wettkampf- oder auch Diagnostikmaßnahmen. Weitere relevante Themenbereiche sind die Gesundheits- und Belastbarkeitssicherung, Persönlichkeitsentwicklung, Strukturen und Maßnahmen für eine erfolgreiche duale Karrieregestaltung und dafür förderliche Umfeldbedingungen. Sportartübergreifend bietet FTEM Germany Handlungsempfehlungen bzw. Orientierungen, wie sportartübergreifende Themen (z.B. Ernährung, biologisches Alter, Psychologie ...) in der Talentsichtung und -entwicklung berücksichtigt werden können und wie Sportarten im Nachwuchsleistungssport voneinander profitieren können (z.B. Talenttransfer, Austausch zu Trainingsinhalten und Testverfahren).