Effekte von hochintensivem Intervalltraining bei Leistungssportler*innen
Stand: 01/2026
Hochintensives Intervalltraining (HIIT) ist in der trainingswissenschaftlichen Forschung umfassend untersucht worden. Die Wirksamkeit von HIIT zur Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, insbesondere der maximalen Sauerstoffaufnahme (V̇O₂max), wurde vielfach bestätigt. Jedoch zeigen Übersichtsarbeiten, dass je besser trainiert die Sportler*innen sind, desto kleiner ist der Effekt von HIIT auf die V̇O₂max. Dies wirft die Frage auf, wie groß die tatsächlichen Effekte von HIIT bei hochtrainierten Leistungssportler*innen sind. Diese Forschungslücke wollten Wiesinger et al. (2024 & 2025) in einer zweiteiligen Übersichtsarbeit schließen.
Die beiden Arbeiten der Arbeitsgruppe analysieren systematisch die Effekte verschiedener HIIT-Formen auf die Leistungsfähigkeit von bereits hochtrainierten Elitesportler*innen. Analysiert wurden dabei 16 Studien im Ausdauersport und 18 Studien aus anderen Sportarten. Der Fokus dieses Digest liegt auf der Vermittlung der theoretischen Grundlagen und der Ableitung und Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der beiden Arbeiten für Trainer*innen und Sportler*innen.
Wiesinger, H. P., Stoggl, T. L., Haller, N., Blumkaitis, J., Strepp, T., Kilzer, F., Schmuttermair, A., & Hopkins, W. G. (2025). Meta-analyses of the effects of high-intensity interval training in elite athletes-part I: mean effects on various performance measures. Front Physiol, 15, 1486526. https://doi.org/10.3389/fphys.2024.1486526
Wiesinger, H. P., Hopkins, W. G., Haller, N., Blumkaitis, J., Strepp, T., & Stoggl, T. L. (2024). Meta-analyses of the effects of high-intensity interval training in elite athletes - part II: relationships between the mean effects on various performance measures. Front Physiol, 15, 1486570. https://doi.org/10.3389/fphys.2024.1486570
Zur Studie
Die HIIT-Form ist entscheidend: aerobe und anaerobe HIIT-Formen.
Kombination von aeroben und anaeroben HIIT-Formen könnte am effektivsten sein.
HIIT zeigt größere Wirkung als zusätzliches Training während der Wettkampfperiode.
Laborwerte wie die V̇O₂max können nicht als direkte Prädiktoren für die Wettkampfleistung herangezogen werden
Das Sammelbecken HIIT
Der Begriff „HIIT“ ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Trainingsmethoden. Die Studien von Wiesinger et al. (2025) systematisieren diese Vielfalt und definieren 6 HIIT-Formen, die sich auf einem Spektrum von hoch-aerob bis hoch-anaerob abbilden lassen (Abb. 1). Jede Form hat unterschiedliche physiologische Anforderungen, womit er auf verschiedene Zieladaptationen abzielt.
Abb. 1. Schema zur Klassifizierung der Formen von hochintensivem Intervalltraining und deren vermuteten Auswirkungen auf die Messgrößen und Prädiktoren der Leistung (aus Wiesinger et al. (2025)).
Die Formen von HIIT (obere Reihe) und Leistungsparameter (untere Reihe) sind von der aerob determiniert auf der linken Seite bis zur anaerob determiniert auf der rechten Seite angeordnet.
I: Intervalldauer; I:R: Verhältnis von Intervall zu Erholung; V̇O₂max: maximale Sauerstoffaufnahme
Zur Untersuchung der HIIT-Formen wurden 7 Leistungsparameter ausgewählt, um die Trainingswirkung zu quantifizieren. Diese bewegen sich ebenfalls in einem Spektrum von aerob-determiniert bis zu anaerob-determiniert (Abb. 1).
- V̇O2max (Maximale Sauerstoffaufnahme): Gilt als die Kenngröße für die aerobe Leistungsfähigkeit. Sie beschreibt die maximale Menge an Sauerstoff, die der Körper während maximaler Belastung aufnehmen, transportieren und verwerten kann.
- Bewegungsökonomie (Exercise Economy): Effizienzmaß, welches angibt, wie viel Sauerstoff (als Maß für den Energieumsatz) bei einer gegebenen Geschwindigkeit oder Leistung verbraucht wird. Eine bessere Ökonomie bedeutet weniger Sauerstoffverbrauch (Energie) für die gleiche Leistung.
- Schwellenleistung/-geschwindigkeit (Threshold Speed/Power): Entscheidender Indikator für die Fähigkeit, eine hohe Intensität über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten.
- Zeitfahrleistung/-geschwindigkeit (Time-Trial Speed/Power): Ein direkter und praxisnaher Indikator für die Wettkampfleistung in Ausdauerdisziplinen. Er misst die durchschnittliche Leistung oder Geschwindigkeit über eine festgelegte Distanz oder Zeit.
- Spitzenleistung/-geschwindigkeit (Peak Speed/Power): Die maximal erreichbare Leistung oder Geschwindigkeit am Ende eines inkrementellen Tests.
- Sprintwiederholungsfähigkeit (Repeated-Sprint Ability): Die Fähigkeit, eine Serie von Sprints mit minimalem Leistungsabfall zu absolvieren. Dieser Parameter ist insbesondere in Spiel- und Mannschaftssportarten von entscheidender Bedeutung.
- Sprintleistung/-geschwindigkeit (Sprint Speed/Power): Die reine Maximalgeschwindigkeit oder -leistung, die über eine sehr kurze Distanz (z.B. 10-40 Meter) erreicht werden kann.
Ergebnisse
Die Meta-Analyse von Wiesinger et al. (2025) liefert Belege dafür, dass HIIT auch bei hochtrainierten Elite-Athlet*innen ein äußerst wirksames Trainingsinstrument ist. Im Vergleich zu Kontrollgruppen ohne HIIT führt HIIT in den meisten untersuchten Szenarien zu signifikant größeren Leistungssteigerungen in den oben genannten Leistungsparametern. Diese Erkenntnis hat strategische Bedeutung für die Trainingsplanung, da sie zeigt, dass selbst bei Athlet*innen, die bereits auf höchstem Niveau trainieren, durch gezielte HIIT-Interventionen noch erhebliches Verbesserungspotenzial besteht.
Die größten Effekte konnten bei der V̇O₂max durch aerobe HIIT-Formen beobachtet werden. Das aerobe HIIT-Formen sich besonders zur Steigerung der V̇O₂max eignen, zeigt die Abnahme des Trainingseffektes bei einer Verschiebung von Form-I zu Form-IV HIIT-Training. Bei Ausdauerathlet*innen wurden deutliche Verbesserungen der Zeitfahrleistung/-geschwindigkeit nachgewiesen. Bei Mannschaftssportler*innen gab es signifikante Steigerungen der Sprintleistung/-geschwindigkeit und der Sprintwiederholungsfähigkeit.
Einflussfaktoren und Moderatoren
Über die generelle Wirksamkeit von HIIT als Trainingsmethode hinaus identifizierten die Arbeiten von Wiesinger et al. (2024 & 2025) mehrere Moderatoren, die den Erfolg einer HIIT-Intervention maßgeblich beeinflussen. Diese bieten Trainer*innen wertvolle Anhaltspunkte für die Feinabstimmung der Trainingsplanung.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass HIIT seine Wirkung bezogen auf die V̇O₂max besonders gut während der Wettkampfphase (On-Season) entfaltet. Auch bei der Sprintleistung waren signifikante Verbesserungen zu beobachten, jedoch statistisch kleiner im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Ein weiterer Vergleich war das Hinzufügen oder das Ersetzen von Trainingseinheiten durch HIIT-Einheiten. Das Hinzufügen von HIIT zum bestehenden Trainingsplan erwies sich für die meisten Leistungsparameter als vorteilhafter im Vergleich zum Ersetzen von konventionellen Trainingseinheiten. HIIT sollte also eher als ergänzendes Training und nicht als Ersatz für das Grundlagentraining gesehen werden.
Zur Dauer der HIIT-Intervention konnten keine präzisen Aussagen getroffen werden. Es zeigte sich eine Tendenz, dass längere Programme (ab 6 Wochen) leichte zusätzliche Vorteile bringen können. Jedoch wurde für die Schwellenleistung ein potenziell negativer Effekt bei längeren Interventionen beobachtet.
Die Zusammenhänge verstehen
In der Trainingspraxis ist es selten möglich oder sinnvoll sich nur auf die Entwicklung eines Leistungsparameters zu konzentrieren, während damit eventuell andere Leistungsindikatoren vernachlässigt werden. Ebenso setzt sich die tatsächliche Wettkampfleistung aus mehreren Leistungsmoderatoren zusammen und ist nicht nur durch bspw. die V̇O₂max erklärbar. Es gilt, die komplexen Wechselwirkungen zu verstehen und so den Sportler*innen eine möglichst individuelle und ganzheitliche Entwicklung zu ermöglichen.
Diesen Zusammenhängen widmen Wiesinger et al. (2024) den zweiten Teil ihrer Übersichtsarbeit. Dazu unterscheiden sie zwischen den beiden großen Sportartengruppen, welche am meisten in der HIIT-Forschung vertreten sind: Ausdauersport und Mannschaftssport.
Ausdauersport
Obwohl die Verbesserungen der V̇O₂max, der Spitzenleistungen und der Schwellenleistungen positiv mit dem wettkampfnahen Parameter Zeitfahrleistung korrelieren, erklären sie die Leistungssteigerung im Zeitfahren bei weitem nicht vollständig. Dies bedeutet, dass eine Steigerung der V̇O₂max nicht automatisch zu einer proportionalen Verbesserung der Wettkampfleistung führt. Die praktische Konsequenz für Trainer*innen ist: Wettkampfnahe Zeitfahrtests sind als direktes Maß für die Leistungsentwicklung unverzichtbar und können nicht allein durch Labortests ersetzt werden.
Eines der wichtigsten Ergebnisse ist der Konflikt zwischen V̇O₂max und Bewegungsökonomie. Ein Training, das primär die V̇O₂max steigert (oft aerobes HIIT), geht potenziell zu Lasten der Bewegungsökonomie. Die Autoren der Übersichtsarbeit stellten eine negative Korrelation zwischen den beiden Parametern fest. Eine 1%-ige Steigerung der V̇O₂max resultiert in einer 1%-igen Verschlechterung der Bewegungsökonomie. Eine mögliche physiologische Erklärung hierfür ist eine Verschiebung der Substratnutzung: Eine höhere V̇O₂max kann eine stärkere Fettverbrennung ermöglichen, die jedoch einen höheren Sauerstoffbedarf hat und somit die Effizienz bei submaximalen Intensitäten verringern kann. Dies ist ein entscheidender Zielkonflikt, den Trainer*innen in ihrer Planung berücksichtigen müssen.
Mannschaftssport
Bei Athlet*innen aus Spiel- und Mannschaftssportarten wurde die Beziehung zwischen der reinen Sprintleistung und der Wiederholungssprintfähigkeit untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Beziehung zwischen den Verbesserungen in diesen beiden Bereichen nur schwach ist. Eine Steigerung der maximalen Sprintgeschwindigkeit führt also nicht zwangsläufig zu einer besseren Fähigkeit, Sprints zu wiederholen. Für die Trainingspraxis bedeutet dies, dass Trainer*innen beide Fähigkeiten als separate und weitgehend unabhängige Komponenten betrachten, testen und gezielt trainieren müssen. Die alleinige Fokussierung auf die maximale Geschwindigkeit vernachlässigt die ebenso wichtige Ermüdungsresistenz.
Hochintensives Intervalltraining ist ein hochwirksames Werkzeug zur Leistungssteigerung bei Elite-Athlet*innen, das jedoch ein differenziertes Verständnis und eine gezielte Anwendung erfordert. Die Auswahl der HIIT-Form muss präzise auf das spezifische Trainingsziel abgestimmt sein, wobei aerobe und anaerobe Formen unterschiedliche Effekte auf Leistungsparameter haben. Eine komplexe Leistungsdiagnostik, die über einzelne Laborwerte hinausgeht und wettkampfnahe Tests sowie separate Bewertungen von Sprint- und Wiederholungssprintfähigkeit umfasst, kann entscheidend für den Erfolg - natürlich in Abhängigkeit der Sportart und der verfolgten Wettkampfziele.